Da es mir neben meiner Forschungsarbeit immer schon eine Freude war, Kurzgeschichten zu schreiben, würde ich im Folgenden hier gerne

einige Texte aus verschiedenen Jahren veröffentlichen:

 

Nur ein Missverständnis


Er begann, sich zu regen. Langsam bewegte er Arme und Beine: es ging. Er streckte sich richtig. Das Herz pumpte jetzt kräftiger. Er nahm einen tiefen Atemzug, frische Luft strömte in seine Lungen. Seine Augen waren noch geschlossen, aber er würde jeden Moment erwachen.

 

„Seid leise!“, hörte man eine Stimme. Daraufhin verstummte das Gemurmel der Personen, die sich in einem Kreis um seine Schlafstatt versammelt hatten. Man sah angespannte Gesichter, frohe, erwartungsvolle, aber auch besorgte. Er atmete noch einmal tief ein, dann setzte die Atmung für einen Moment aus, wie üblich vor dem Erwachen.

 

„Er erwacht!“, flüsterte dieselbe Stimme, „schnell, lasst Licht herein!“ Die besorgten Gesichter verschwanden. Froh und glücklich, richtig feierlich standen sie jetzt um die Schlafstelle herum. „Ihr sollt Licht hereinlassen!“ Die Erstarrung löste sich, man öffnete die zuvor absichtlich geschlossen gehaltenen Öffnungen. Sein Verstand hatte nun wieder begonnen zu arbeiten, und er blinzelte mit den Augen, blinzelte noch einmal, stutzte und riss mit einem Mal die Augen ganz auf. Es traf ihn eine Fülle von Licht. Verwundert und verständnislos setzte er sich langsam auf.

 

Da brach unter dem Umstehenden plötzlich Freude aus, und die Gruppe applaudierte. Ihre Gesichter strahlten, und man begann, sich zu umarmen. Er saß immer noch wie betäubt auf seiner Schlafstelle, aber das Licht umfing ihn in einer solchen Farbvielfalt, mit einer solch wohltuenden Wärme, so dass er sich unendlich geborgen fühlte. Er starrte abwechselnd hinaus auf das Licht und dann wieder auf die Gruppe. Sie drängten sich so nahe wie möglich an ihn heran. Keiner wollte etwas verpassen. Dann blickte er an sich herunter und hob fragend den Kopf. Sie sahen sich an, dann ihn und nickten verstehend und lächelnd. Da strahlte sein Gesicht, und er setzte sich vollends auf. Man streckte ihm Hände entgegen, er stand auf, die Gruppe schloss sich um ihn und geleitete ihn würdevoll und feierlich aus dem zu Beginn so finster und dunkel scheinenden Raum - hinaus zu noch mehr Licht.

 

                                                             * * *

 

Draußen traf ihn das Licht mit einer solchen Wucht, dass er am liebsten wieder zurück gelaufen wäre. Aber die Gruppe umgab ihn vollends und wies ihm sanft und geduldig den Weg über den riesigen Platz, immer dem strahlenden Glanz entgegen.

 

Je näher sie dem Lichte kamen, desto intensiver spürte er, wie es ihn erfüllte und alle beängstigenden Gedanken mehr und mehr verschwanden. „Frei, Du bist frei; das Licht macht Dich frei. Du bist nicht mehr allein - nie mehr!“ Etwas hämmerte in seinem Kopf, doch er bemerkte es kaum. „…nie mehr allein! Du bist frei, Du bist stark…“, und auf einmal erkannte er seine wahrhaftige und wirkliche Bestimmung: in Gemeinschaft mit vielen Gleichgesinnten dem Lichte ganz nahe zu sein. Von nun ab würde er nicht mehr alleine sein, nie mehr. Die Gruppe würde für ihn da sein und das allgegenwärtige, gütige Licht für ihn denken und ihn leiten.

 

Ein Chor der Freude ertönte, und der feierliche donnernde Hall der Stimmen untermalte die Lichtpracht nun auch akustisch: Sie hatten die Quelle allen Lichts erreicht. Vor sich konnte er viele Gestalten erkennen, die in einer Schlange um die Lichtquelle herummarschierten - ohne Unterlass im Kreise herum.

 

Die Gruppe, die ihn eskortiert hatte, öffnete sich, und er stolperte aus ihrer Mitte heraus und reihte sich sofort in die marschierende Schlange ein. Glücklich und zufrieden durchwanderten sie nun, gestärkt durch ein wunderbares Gemeinschaftsgefühl, die sinngebende Bahn des Kreises, nur noch einer einzigen Regung für fähig befunden, der Freude, ganz nah am Lichte zu sein.    


© 1996 Matthias Giesel, überarbeitet 2005.

Alle Rechte für Texte und Bilder vorbehalten!

 

Ein Schimmer jener Hoffnung


Friedlich und still war dieser Morgen, die Vögel zwitscherten leise und alle Probleme schienen gelöst. Quälende Gedanken, die am vergangenen Abend noch so prägnant hervorgetreten waren, als er auf der Suche nach dem, was Leben heißt und das im­mer dann stattzufinden schien, wenn er gerade nicht da war, durch die große Stadt mit ihren tiefen Häuserschluchten gerannt war, waren verstummt und hatten ihre Macht verloren.


Wie ein Schimmer jener Hoffnung, welcher nur ganz selten am äußersten Rand ei­nes Gedankens aufblitze, und bei dem er sich an ein Gefühl von Freiheit erinnerte, das er vor langer Zeit einmal besessen, dann aber verloren hatte, spiegelte sich das goldene Licht der aufgehenden Sonne im Wasser des Sees, leuchteten Tulpen, die in einigen Abständen auf der Promenade angepflanzt worden waren, in den schöns­ten Farben.


Friedlich und still war dieser Morgen, der ein besonderer, einzigartiger und außergewöhnlicher Tag zu werden verhieß, und er verspürte die hoffnungsvolle Ahnung einer erstaunlichen Leichtigkeit und Freiheit, welche ihn, während er voller Freude die klare Frühlingsluft, die der See vom ge­genüberliegenden Ufer herüberzutragen schien, in sich aufnahm, wie auf Wolken schweben ließ.


Er fühlte eine herrliche Unbeschwertheit, und ihm entging nicht die Schönheit der schneebedeckten Berge, die sich in weiter Ferne majestätisch gen Himmel erhoben. Er erinnterte sich daran, wie ihm in so manch finsterer Nacht, als sogar die großartigen, festlich be­leuchteten Gebäude und Paläste am Ufer in unbarmherzig tiefer Schwärze ver­sanken, dort aus weiter Ferne ein klares kaltes Licht herab­zuleuchten schien, welches, wie er dachte, nur für ihn erstrahle.


 

Friedlich und still war dieser Morgen in seiner unbeschreiblichen Far­benpracht. Funkelnd und im hellen Schein eines neuen Tages erleichtert aufat­mend lag ihm der See friedlich zu Füßen. Mit seinen glänzend weißen, leicht und frei auf dem Wasser tanzenden Segeljachten verhieß er den Beginn eines neueren, besseren, größeren, lebenswerteren, sinnvolleren Seins, rief einen Schimmer derjenigen Hoffnung, jenes großen Un­aussprechlichen in ihm wach, das jeder von uns erahnt, beständig in sich trägt und uns immer wieder voller Staunen innehalten und zur Ruhe kommen lässt, mit seinem Frieden vielleicht sogar den Nächsten in einem milderen, menschlichen-nach-sichtigeren Licht er­scheinen und uns als erster mit ausgestreckter Hand und ohne Vorhaltungen auf ihn zugehen lässt.

 

*

 

Doch dann, dann würde es wieder geschehen. Gleich eines Donnerschlages würde alles Friedliche und Schöne in unbarmherziger Schwärze, in welche kein Licht, kein noch so heller Sonnenstrahl vordringen könnte, versinken, jeglicher fröhlich-freiheitlicher Allmachtsphantasien des Menschen spottend. Gleich einer Schneekugel in der Hand des übellaunigen Schicksals würde sich die Situation durch eine Handbewegung in eine eisige, trostlose Landschaft verwandeln, wobei die ehemals weißen Flocken ihre Dunkelheit wie schwarze Asche einer grauenerregenden Finsternis gleichmäßig und mit einer ungeheuren, unheimlichen Präzision Teilchen für Teilchen auf so viel Freundliches und Herzliches legten, bis alles unter einem finsteren Schleier erstarrte.

 

Jeglichem Wunsche friedlicher Bemühungen grotesk entgegenstehend würden sodann auf einmal schwarze Roben und faltenfrei gebügelte Anzüge ehrfurchtgebietend die feinen marmornen Stufen der großartigen Gebäude und Paläste hinaufschweben, hölzerne, reich verzierte Flügeltüren aufstoßen, die rechter und linker Hand emporführenden Treppen hinaufeilen, um in riesigen Sälen von ihren angestammten Plät­zen aus die uralten Klageschriften ewiger Zeiten wieder zu eröffnen und mit einer unglaublich eindrucksvollen Präzision und Überzeugungskraft laut zu verlesen.

 

Vorne am Pult würde der gestrenge Richter mit der runden Nickelbrille mitten im Gesicht mit seiner angsteinflößenden und durchdringenden Stimme wie schon so viele Male gnadenlos das Urteil fällen, das er schon längst auswendig aufsagen konnte: Schuldig in allen Anklagepunkten.

 

Sodann bräche wieder unbeschreibliche Freude im Saale aus, und er würde, unter­brochen vom Ruhe stiftenden Hammerschlag des Richters, gezwungen sein, sich erneut schuldig zu bekennen und Spott und Hohn einer jubelnden Menge zur Kenntnis nehmen müssen: Er, der hoffnungslos Schlechte, sie, die besseren Menschen hö­heren, perfekten Seins, großmütig und edel, schuldlos und rein, samt Richter und Staatsanwalt. Einen Verteidiger gäbe es wohl auch dieses Mal nicht, jemand, der seine Unschuld erkannte, seine Situation genauestens analysierte und nachvollziehbar und verständlich dar­legte, Umstände berücksichtigte, Zusammenhänge verdeutlichte und dem gestrengen Richter die Lage in rechtem Licht begreiflich zu machen suchte.

 

 

Doch die Menge der Zuschauer wogte bereits wie die tosenden Wellen einer überschäumenden Springflut unruhig hin und her. Soeben noch jubelnd, gab sie, die Gerechte, sich nun nicht mehr mit dem Urteil ‘schuldig‘ zufrieden; nein, sie wollte Bestrafung sehen, sich daran weiden.

 

Das Tosen schwoll an und es waren bereits lautstark Satzfetzen wie ‘Todesurteil‘ oder ‘Hinrichtung‘ zu vernehmen. Bevor der Damm endgültig brechen konnte und sein Kopf beinahe zu bersten schien, schlug der Richter drei schwere Male mit seinem Hammer auf das Pult, und es wurde totenstill im Saal, auf den weiten marmornen Fluren, auf den Straßen, in der Stadt, selbst die Zweige der geduldigen alten Eiche, die sich vor dem Fenster leise hin- und herbewegt hat­ten, hielten inne, das Vogelgezwitscher erstarb.

 

Ehrfurchtsvoll erhoben sich alle, auch er wurde hochgerissen. Just in diesem Moment hatte der goldene Zeiger der großen Uhr im Saal seinen Lauf vollendet. Laute durchdringende Schläge verkündeten eine neue Stunde. Die Anwesenden er­starrten. Dann verlas der Richter das Urteil:

 

Aufgrund des wiederholten, unabänderlichen Kreislaufs der Schuld, in welchen der Angeklagte verstrickt und, da sein ganzes Wesen von Grund auf Böse sei, eine Wandlung zum Guten aussichtslos er­scheine, es angebracht sei, dem Verurteilten diese fortwährend vor Augen zu halten, laute das festgesetzte Strafmaß langsamer Tod durch Folter, und er gebe daher die sofortig umzusetzende Anweisung, es ohne Aufschub zu vollstrecken.

 

Der Verurteilte brach zusammen, das Volk jubelte und klatschte, umarmte und schlug sich gegenseitig auf die Schultern, Bücher wurden zusammengeklappt, schwarze Roben flatterten davon, Türen schlugen zu. Er stand plötzlich ganz alleine im Saal und wusste nur zu gut, wie die Folter aussehen würde.

 

*

 

Friedlich und still war dieser Morgen, glänzend und frei. Auf der sich spiegelnden Fläche des großen Sees erstrahlte golden das morgendliche Sonnenlicht. Aus wei­ter Ferne war feierlicher Glockenklang zu vernehmen, eine Taufe, ei­ne Hochzeit, vielleicht aber auch aufgrund der Tatsache, dass nur ein dunklerer Ton zu hören war, ein Sterbegeläut, wer wusste das schon.

 

 

Am Ufer erkennt man eine Person, die gedankenverloren auf einer Bank sitzt und mit leerem Blick auf den See hinausschaut. Dabei schweifen ihre Augen geradezu flehentlich in die Ferne zu den Bergen, dorthin, wo die Freiheit wohnt, möchten den Horizont durchdringen, suchen am äußersten Ran­de des Sehfeldes den Schimmer jener Hoffnung - so einzigartig, klar und eindeu­tig, gleichzeitig jedoch so unfassbar und unbegreiflich; nur einen einzigen Schimmer einer Hoffnung auf dasjenige, welches Menschen hier, dort und zu allen Zeiten manchmal dazu anhält, unglaubliche Dinge zu tun, zu denen sie an­sonsten niemals willens oder im Stande wären, auf die höchsten und imposantesten Berge zu steigen, um, oftmals verlacht von der Welt, das angeb­lich Gute, Schöne und Erhabene zu suchen.

 

Aber wer weiß, so nahm er an, vielleicht würden sie dort auf den allerhöchsten Gipfeln, fernab von allem sinnlosen Trubel und jeglicher Unge­rechtigkeit, dereinst ein klares, kaltes Licht ihr Eigen nennen können, ein erhabenes Funkeln wie von tausenden oder abertausenden Diamanten, einen einzelnen Sonnenstrahl, der sich in allen spektralen Farben in den eisigen Kristallen der schneebedeckten Berge bricht, nur für sie.

 

Man muss gegen allen Widerstand daran festhalten, denn es ist in einer Welt der Verzweiflung die einzige Hoffnung, die uns bleibt, dachte er und lächelte.

 

© 2004 Matthias Giesel, überarbeitet 2011.

Alle Rechte für Texte und Bilder vorbehalten!


Das Vermächtnis

Die Türe schlug zu, ein dumpfer Knall. Sie war draußen, definitiv draußen - auf der Straße, in der Freiheit. Still und einsam, ganz einsam, so stand sie zunächst etwas orientierungslos im Dunkeln herum, blickte hierhin, dorthin, nahm aber ihre Umgebung gar nicht wahr, ging ein paar Schritte auf und ab, hielt inne, und eine bunt gemischte Bilderfolge lief wie ein Flashback vor ihrem inneren Auge ab,...

 

...grelle, rot-gelbe Bilder, Gesichter, Situationen der Wut und Angst, Schreie, dann wieder Stille, blau-schwarze Schatten, im Dunkeln kaum zu erkennen, Bäume, Wiese, helles Grün, unsagbar grün, ein Picknick bei Sonnenuntergang im Park, Blumen, lila Stiefmütterchen im Kasten vor dem geöffneten Fenster ihrer Wohnung im ersten Stock, während das weiß-goldene Sonnenlicht auf die rustikale Schrankgarnitur fällt... gelbe Lichter, dieses unglaublich grelle Gelb, wie diese Lampen nachts auf französischen Straßen, die einem den Schlaf rauben.

 

Sie blickte auf, starrte in die Lichterkette der nächtlich erleuchteten berühmten Warschauer Straße. Ein paar einzelne Regentropfen rieselten herab. Tief atmete sie die frische Nachtluft ein und sah auf die Uhr, ein Geschenk mit silbernem Stretch-Armband, 2:30 morgens. Nach und nach löste sich ihre Erstarrung, und eine neue Leichtigkeit erfasste sie. Langsam, dann etwas schneller setzte sie sich in Bewegung. Schmutzige Tropfen stoben unter ihren Schuhen in alle Richtungen davon. Von weitem sah sie die schimmernde Silhouette der großen Hochhaussiedlungen und Plattenbauten. Der Schein der erleuchteten Fenster erwärmte ein wenig ihr Inneres, und sie dachte an Menschen, - Menschen, wie sie in trauter Runde zur Abend- oder Morgenzeit beieinander saßen.

 

Ach, was machte das schon, dass sie hier ganz alleine im Dunkeln durch die Straßen zog. „Menschen überspitzen ihre Lebensproblematik oftmals drastisch“, dachte sie. „Seltsam, dabei leben wir doch nur diesen einen bedeutsamen, aber kurzen Augenblick lang. Und einen noch kürzeren sind wir jung und klar bei Sinnen.“ Die rot-gelbe Bilderfolge flammte plötzlich wieder in ihr auf, doch diesmal nur für einen Bruchteil von Sekunden. Warum, fragte sie sich, lebte und stritt ein jeder hier ständig und ausschließlich so, als ob er noch ein Leben in Reserve hätte? Als ob irgendwann das richtige Leben beginnen würde. Wieviel Zeit verbrachte man nicht mit Misstrauen und Ärger. Doch worin bestand die Alternative, wenn man sich von allen menschlichen Bedingungen lossagte? In Einsamkeit oder völligem Mangel sozialer Beziehungen?

 

Sie schreckte aus ihren Gedanken auf und sah ungläubig auf die Uhr, schon 3:12. Der Regen hatte sich überraschend verzogen, und der Horizont färbte sich langsam blau-golden. Es versprach, ein wunderschöner Morgen zu werden. Sie ging ein wenig weiter die Warschauer Straße entlang bis dorthin, wo diese sich gleich einer Brücke über die Bahngleise schwang, stellte sich auf den höchsten Punkt der Erhebung und schaute hinab. Die S-Bahnen fuhren bereits schon wieder im Fast-fünf-Minuten-Takt. Sie nahm ihr gleichförmig ansteigendes Summen in sich auf. Von hier oben konnte sie deutlich das rhythmische ´Klack-Klack, Klack-Klack´ vernehmen, an der Stelle, wo die Gleise nicht ganz fest ineinandergefügt waren. Gedankenverloren beobachtete sie die grellen Lichtkegel und widerstand tapfer der Versuchung, eins mit ihnen zu werden, nur um dem Schmerz zu entkommen; diesem unsäglichen Schmerz, der sich manchmal gleich einer kalten grauen Hand wie ein Schraubstock um Hals und Kehle schloss und ihr keine Luft zum Atmen ließ.-

 

Dann war das Rattern vorbei und klang nur noch leise in ihr nach. Sie stand wie zur Salzsäule erstarrt und sah hinüber zum Ostberliner Funkturm, der sich in weiter Ferne gen Himmel erhob. Ihre Hände umklammerten das Brückengeländer, grün-grau gestrichene Stahlstreben, eisiges Metall. Plötzlich wurde es dunkel um sie herum. Gleich einem rasend schnellen Dominoeffekt erloschen die grell-gelben Sparlampen der Warschauer Straße. Die Zeiger ihrer Uhr passierten die 4:30-Grenze. In eine merkwürdig grau-blaue Dämmerung fielen sogleich die ersten Sonnenstrahlen eines neuen, leicht-luftigen Sommertages. Die Hand an ihrem Hals ließ etwas nach, so, als hätte sie an Kraft verloren.

 

Ein frischer Wind begann zu wehen, strich an ihrem Gesicht vorbei, und ein Gefühl der Freiheit durchströmte sie. Sie ließ das Geländer los und marschierte weiter, mechanisch einen Fuß vor den anderen setzend. Sie war zu müde, um einen klaren Gedanken zu fassen. Die Augen halb geschlossen ließ sie sich ihr Gesicht von der Sonne bescheinen. Alles um sie herum war so frisch und klar wie an fast jedem neuen Morgen, doch aufgrund ihrer Müdigkeit verschwammen Farben und Formen, vermischen sich mit Gefühlen und vergangenen Erlebnissen,...

 

…ein gelb-graues Ungetüm raste kreischend an ihr vorbei, die erste Straßenbahn fuhr bereits wieder, ein riesiges, überdimensional erscheinendes Ampelmännchen versperrte ihr den Weg und streckte ihr warnend seine beiden Hände entgegen.

 

Sie blieb stehen, zwinkerte mit den Augen, die vor Müdigkeit ganz klein zu sein schienen. Der Verkehr nahm stetig zu. Eine Wand aus Lärm, die man beinahe mit der Schere schneiden konnte. Von der gegenüberliegenden Kirchturmuhr schlägt es in diesem Moment fünf Uhr. Die Schläge sind im Verkehrsgetümmel fast nicht zu hören. Schließlich geht sie zurück über die Brücke und setzt sich auf die Stufen vor der S-Bahn-Station, die Beine eng angezogen, den Kopf zwischen den Armen auf die Knie gelegt, die Augen geschlossen. So schwebt sie nun in einem dunklen, warmen und beschützten Vakuum, durch das nur ein paar Strahlen jener Sonne dringen, die so manch neuen Morgen frisch, hell und lebenswert erscheinen lässt,...

 

...und plötzlich taucht sie ein in jenes Land goldenen Scheins, in dem es keine Trauer und keinen Schmerz mehr gibt und der Flügel eines Engels tröstend ihr Gesicht entlang streicht. Stufe für Stufe gleitet sie hinab, den Blick immer der Sonne zugewandt, aufrecht, schön... Am Fuße der Treppe warten freudig strahlende, lächelnde Gesichter, die sie, schon ehe sie unten angekommen ist, mit weit geöffneten Armen warmherzig willkommen heißen, und es scheint ihr, als sei sie aus einem Albtraum innerhalb der Geborgenheit lieber Menschen erwacht.

 

Auf einmal hört sie eine Stimme, die ihren Namen ruft. Erschrocken hebt sie den Kopf, blinzelt in einen hellen, neuen Morgen. Vor ihr auf den Stufen steht ein bunt gekleideter Clown. Er trägt ein weißes Kostüm mit großen, roten Punkten und einen winzigen Hut mit sprießender Blume darauf und vollführt einen Kopfstand, was sie ganz bemerkenswert findet. Nun fasst er, während er auf der einen Hand steht mit der anderen an eben diesen, pflückt die Blume und überreicht sie ihr mit einem Lächeln. Sie beugt sich vor und nimmt diese, bezaubert von solcherlei Geste, entgegen. Dann hüpft er mit einer Hand die Stufen zum Bahnsteig hinab, landet in einer plötzlichen Drehung geschickt auf den Füßen und ist, nicht ohne ein paar Radschläge zu vollführen, wieder verschwunden.

 

Sie betrachtet nachdenklich die kleine Blume in ihrer Hand, streicht ganz vorsichtig über die zarte, farbige Blüte, bewundert das frische, helle Grün der Blättchen, und auf einmal durchfährt sie eine Erkenntnis: „Das Leben ist schön, wunderschön. - Einfach nur wunderschön!“. Wer wollte ihr da widersprechen.

 

Der Verkehr hat sich im Moment ein wenig beruhigt. Dunkel hallen die Schläge der Kirchturmuhr die Warschauer Straße entlang, störend, unpassend zu der frohen, warmen Atmosphäre dieses hellen Morgens, sechs volle Schläge. Sie wirft einen Blick auf die Uhr, bemerkt, dass diese nachzugehen scheint. Irritiert tippt sie mehrmals mit dem Fingernagel auf das Glas und hält sie ans Ohr. 

 

Von einem plötzlichen Entschluss gepackt springt sie auf und spaziert leichtfüßig, fast froh, in die entgegengesetzte Richtung, aus der sie gekommen ist, vorbei an der U-Bahn-Station, in Richtung Spree. Die Blume hat sie sich ins Haar gesteckt. Bei Rot überquert sie die große, vierspurige Ampelkreuzung, springt gut gelaunt, durch die Zähne pfeifend, die letzten zwei Meter auf den Bürgersteig. Ein Lastwagen mit hoch beladenem Kipper donnert an ihr vorbei, verfehlt sie nur um wenige Zentimeter. Doch das stört ihre gute Laune keineswegs. Sie tastet nach ihrer Blume im Haar, die sich ein wenig verrutscht anfühlt, zupft diese zurecht und überquert nun leichtfüßig die neu gebaute Ost-West-Verbindung über die Spree. Die Sonnenstrahlen spiegeln sich in den Fluten und glänzen wie kleine Krönchen. Ein kühler, erfrischender Luftzug umspielt schmeichelnd ihr Haar, und der Wind weht ihre Blume in hohem Bogen über den Fluss - dem Horizont entgegen. Sie bemerkt es nicht.

 

Bei einem zufälligen Seitenblick auf ihre Uhr stellt sie fest, dass diese um kurz vor sechs stehen geblieben ist, streift wie im Traume das Armband über ihren zarten, blassen Knöchel und wirft das Geschenk mit einer nachlässigen Bewegung in den Fluss. Frohen Mutes marschiert sie weiter und nähert sich langsam, aber unaufhaltsam dem quicklebendigen, quirlig-pulsierenden, sonnendurchfluteten Leben ihrer geliebten Stadt.

 

© 2005 Matthias Giesel, leicht revidiert 2010.

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